Federwolken in Schweden

Flughafen Hahn:

Federwolken ziehen am frühen Morgen unter einem blauen Himmel vorbei. Schweden, das Land der vielen unberührten Flecken unverfälschter Natur wartet darauf, bald von drei ungewöhnlichen Typen an ungewöhnlichen Orten „erobert“ zu werden. Ich stelle vor: Frank, „the tank“ oder „Auf den Spuren von Indiana Jones“. Nur, ist der jemals in Schweden gewesen? Begleitet wird er von Elezar, dem kahlgeschorenen Mönch mit seiner roten Tarngarderobe, einem kuttenähnlichen Kleidungsstück. Ich nenne ihn „Den Mann des Feuers“. Und meine Wenigkeit „Stephan der Dritte“ bin mal wieder auf meinem olivfarbenen Camel-Trip – aber ohne Zigarette, versteht sich natürlich...

Wir befinden uns auf dem Ryan Air Flughafen mit der irreführenden Bezeichnung Frankfurt/Hahn, denn Frankfurt ist noch knapp 100 Kilometer entfernt. Das Areal besteht aus einem kleinen aber gepflegten Hallenkomplex. Kurz vor dem Abflug mit Ryan Air sorgen Frank und Eli beim letzten Klick der Digitalkamera noch für ein bisschen Mallorca-Wohlfühl-Atmosphäre. Noch grinsen beide, mit einem frischen Bitburger „bewaffnet“, nichts ahnend der uns noch zu erwartenden Strapazen in die Kamera.  Nein, so schlimm wurde es nicht.

Zwei Stunden später. Wir landen in einer Ortschaft namens Skavsta, unserem Ankunftflughafen in Schweden. Dieser liegt immerhin noch ca. 110 Kilometer von Stockholm entfernt. Das entspricht einer Busfahrt von fast 1 ½ Stunden. Willkommen im Elchland! Aber laßt mich schon jetzt bemerken: einen der tarnungsfreudigen Elche hat keiner von uns dreien zu Gesicht bekommen.

Schwere dunkle Wolkengebilde hängen über einer schwedische Waldlandschaft. Ein leichter Nieselregen setzt ein. Ab dem darauffolgenden Tag soll das Wetter aber spätsommerlich warm werden. Lassen wir uns also überraschen!.

Wir besteigen den Shuttle Bus und fahren über die E4 in Richtung Stockholm. Es geht vorbei an den so typischen dunkelroten Häusern mit den weißen Fensterläden, die inmitten der waldreichen Gegend immer wieder am Straßenrand und in der Ferne auftauchen. Ein erster zaghafter Sonnenstrahl lugt um die Wolkendecke und erstrahlt auch gleich den ersten See.

Zwischenhalt nach knapp 80 Kilometern Fahrt. Wir steigen aus am Bahnhof Södertälje Syd.

Hier betreten wir die kleine Bahnhofshalle, um eine Zugfahrkarte nach Örebro zu kaufen, welches noch einmal so um die 200 Kilometer entfernt im Westen liegt. Zugtickets erhält man übrigens nur an Ticketautomaten mit Kreditkarte; so war es auch mit den Bustickets am Flughafen.

Und bei der Nutzung einer öffentlichen Toilette muss man passende Geldstücke bereithalten. Diese steckt man dann durch einen kleinen Schlitz, und die Tür läßt sich öffnen. Einzelkabinen für Männlein und Weiblein.

Das Zugticket zu ziehen, erweist sich noch ein wenig schwierig, da die Erklärungen am Biljetautomaten nur in schwedischer Sprache sind. Eine junge Schwedin steht uns hilfreich zur Seite. Eli sucht noch nach der passenden Kreditkarte, die dieser Automat „schlucken“ soll, und dann hält er endlich hocherfreut die Tickets in die Höhe. Die erste Prüfung „ Wie bekomme ich ein „Biljetter“ haben wir erfolgreich bestanden. Wir betreten den erhöht liegenden Bahnsteig. Ein äußerst ungewöhnliches Panorama bietet sich uns von hier oben. Der Blick gleitet auf einen nahen See mit einem kleinen Yachthafen. Dahinter drängelt sich schon eine Waldfront bis ans Wasser heran. An welchem deutschen Bahnhof genießt man solch eine prächtige Aussicht?

Der Zug fährt ein; er ist klein und mit wenigen Waggons recht kurz. Während der Zugfahrt nach Örebro geht es auch spaßig zu. Her mit der kleinen Schwedin! Julia, ein kleines Mädchen, dass mit ihrer Mutter unterwegs ist, wird für ein süßes Lächeln von unserem Verführer Eli mit Süssigkeiten bestochen.

Derweil fliegt die schwedische Landschaft am Zugfenster vorbei. In kurzen Abständen tauchen immer wieder vereinzelte Seen auf. Unterbrochen wird die Fahrt von mehreren Zwischenstopps an einigen Bahnhöfen, die so gut wie nichts ausstrahlen. Nächste Station: Halsberg. Wir stellen fest: je nördlicher unsere Reise geht, desto leerer werden die Fahrgasträume.

Ca. 1 ½ Stunden später: Ankunft in Örebro bei strahlendem Sonnenschein. Robin, unser Ranger vom Camp, holt uns in seinem Landrover am Bahnhof ab. Er ist ein Typ, von dem Frank meint, dass er eindeutig 600 Kilometer zu weit nördlich und 200 Jahre zu spät auf die Welt gekommen ist. Sein Aussehen hat etwas von einem gemütlichen Holzfäller, der nebenbei als Ergänzungsmusiker bei den beiden Rauschebärten der Rockgruppe ZZTop Gitarre spielen könnte. Rough man! Und er ist hilfsbereit und freundlich.

Eine erste Besonderheit in Schweden erfahren wir dann von Robin auf unserer knapp einstündigen Fahrt vom Bahnhof Örebro zum Camp Bergslagsgarden. Viele Häuser in den zahlreichen kleineren Ortschaften haben direkt auf dem Grundstück einen Fahnenmast mit der schwedischen Flagge stehen. Die Fahnen dienen als Signal und werden abends von den jeweiligen Bewohnern immer heruntergezogen, so dass der „nächste“ Nachbar immer daran erkennen kann, dass anscheinend bei seinem Nachbarn alles in Ordnung ist.

Am nächsten Morgen wird die Fahne dann wieder gewohnheitsgemäß hochgezogen. Ein Zeichen, dass der Nachbar wieder seinen gewohnten Dingen nachgeht und alles in Ordnung ist. Alles verstanden?

Die Fahrt geht fast ausnahmslos über einsame Landstraßen, vorbei an Waldgebieten, die sich links und rechts der Straße weit ins Hinterland erstrecken. Irgendwo dazwischen liegen dann meistens unzählige von kleinen Flusslandschaften und Seen versteckt. Ein friedliches Zuhause für die Natur. Das Camp befindet sich nahe der Grenze der Regionen Dalarna und Värmland. Von hier aus sind es nur noch etwa zwei Fahrtstunden bis zur norwegischen Grenze und ca. 3 Stunden bis Oslo.

Ankunft am Nachmittag. Wir beziehen unsere Unterkunft in der Holzhütte mit Namen „Björnen“, was übersetzt „Bär“ heißt. Direkt hinter der Eingangstür beginnt ein langer Flur, auf dem sich zu beiden Seiten mehrere Räume befinden und der in einer kleinen Küchenzeile endet. Die Gästezimmer sind einfach eingerichtet mit Bett, Tisch Schrank und Waschbecken. Eine Dusche befindet sich auf dem Gang. Das ganze erinnert mich sehr stark an eine Jugendherberge. Ideal für kleine „Schweden- Jungs“. Manche Bilder an den Wänden hat man sicherlich schon in den Wohnzimmern der Großeltern gesehen. Altbacken und völlig verkitscht. Das zweckmäßig eingerichtete Holzhaus hat auch noch einen Aufenthaltsraum, das Wohnzimmer. Dieser liegt direkt gegenüber der Küchenzeile und gibt einen Blick frei auf den nahen obligatorischen See.

Ein erster Erkundungsgang führt mich über die Wiesen hinunter bis an den See. Überall entdecke ich viele große braune, gesund aussehende Pilze. In der Nähe ist ein Fußballplatz, den wir leider nicht nutzen werden. Nahe am See befindet sich selbstverständlich auch ein gemütlicher Grillplatz mit einer großen Glocke, die man selber betätigen kann. Sie hallt über das ganze Gelände. Einst diente dieser Rastplatz mit der hängenden Glocke dem CVJM als eine Art Kapelle und wird heute noch gerne von Konförmantengruppen genutzt.

Kontemplatorische Stille. Ein Stille, die ich lange nicht so intensiv wahrgenommen habe. Einfach hinsetzen und der Sprache der Natur lauschen. Ein Zitronenfalter fliegt lautlos vorbei. Malerisch die Aussicht, als hätte ein unbekannter Maler ein Landschaftsbild auf die Leinwand gepinselt. Nichts regt sich, kein noch so leises Lüftchen weht, selbst die Wolken scheinen am Himmel bewegungslos zu verharren. Die Sonne scheint, und es ist angenehm mild. Wie diese Gegend hier, so stelle ich mir auch die kanadischen Wälder und Landschaften vor. Hier vergehen Tage in völliger Abgeschiedenheit und Ruhe.

Um den langgezogenen See herum gruppieren sich die so typischen Holzhäuser, in denen die Gästegruppen übernachten.

Auf dem Camp, ein ideales Terrain für alle Arten von Teambuilding Aktionen, leben auch z.Zt. Gruppen von Ukrainern, die alljährlich zum Blaubeeren-Sammeln in diese Region kommen. Diese werden dann gepflückt und weiter verkauft. Die Männer bekommen dafür meistens so etwa den Tagespreis von 10 Kronen pro Kilo; das entspricht gerade einmal einem Euro. Summa Summarum sind das ca. 100 Euro Verdienst für einen Ukrainer pro Tag fürs Blaubeeren-Sammeln.

Frank und Eli haben nichts Eiligeres zu tun, als kurz nach der Ankunft unten am See auf dem kleinen Steg ihre Angelausrüstung auszupacken und zu testen. Später werde ich noch oft den Begriff „Rappala“ (ein Kunstköder mit Zwei-oder Dreipunkthaken) hören. Ein oft benutztes Wort der beiden stolzen und eifrigen Hobby-Angler. Für mich ein neues Wort in meinem Sprachschatz.

Währendessen vermischt sich der Pfeifenduft von Elis Zigarre mit dem Geruch einfacher und sauberer Natur. Einmal für einen Moment „Mann von Welt“ sein, so denkt sich „Klein- Eli“ Die Gegend um das Camp Bergslagsgarden, einst eine bedeutende Eisenerz- und Silberminenregion, war vor vielen Jahren der Wohnsitz eines Silberminenbesitzers. Heute ist das Camp in Privatbesitz und gehört einem schwedischen Paar.

Besonders viele rotfarbige Häuser gibt es in dieser Region, denn rot war die Farbe der Abfallprodukte der Erzproduktion. Pulverabfall, mit dem das Holz als eine Art Schutzanstrich überpinselt wurde. Zur „Hochzeit“ der Eisenverarbeitung (1750-1800) wohnten die einfachen Leute in den roten Häusern. Die roten bzw. rotweißfarbenen Häuser sind hier in Mittelschweden stärker vertreten als z.B. in Südschweden. Die Leute, die es sich leisten konnten, also die „Herren“, bewohnten andersfarbige Häuser, z.B. gelb oder weiss gestrichene.

Die Bezeichnung „garden“ steht für Herrenhaus (Hergarden) – siehe auch Bergslagsgarden. Übrigens kommt die schwedische Sprache wie auch das Norwegische und Dänische aus dem Altisländischen. Und die dänische Sprache bezeichnet man als das Hochdeutsche der skandinavischen Sprachen.

Am späten Nachmittag begibt sich Robin mit uns auf eine kleine Entdeckungsfahrt in die nähere Umgebung. Eine Schotterstraße führt wieder durch nie endende Wälder. Witzig sind die immer am rechten Straßenrand stehenden Briefkästen, auf die oft ein kleines Edelstahl-Männlein hinweist. Der Grund ist folgender:

Alle Postfahrzeuge haben nicht links sondern rechts das Lenkrad, so dass der Postfahrer an einem Briefkasten nicht aussteigen muß, um die Briefe einzuladen. Er braucht sich nur aus dem Wagen zu hängen, um den Kasten zu leeren. Clever!

Zwischenstopp im Naturreservat Hökhöjden. Auf dem Gipfel des Hökhöjden befindet sich auch ein Café und Restaurant, welches leider heute Abend geschlossen ist. Daneben ist ein Rastplatz mit Feuerstelle hergerichtet. Von hier oben aus bietet sich uns eine hervorragende Aussicht über das waldreiche Gebiet um Hällefors, das von feinen Linien, den Straßen, und von quadratischen Flächen, den Seen, durchzogen ist. Und der ganze Wald (dreiviertel davon ist Tannenwald) ist kein staatlicher sondern ein vermarkteter Privatwald und gehört dem Unternehmen StoraEnso, dem zweitgrößten Papierhersteller der Welt.

Holz gibt es in Schweden in Hülle und Fülle; zum Sitzen, zum Bauen, quasi zum Leben allgemein. Das ganze gleicht dann einer riesigen Ikea-Gartenausstellung. Ca. 5000--6000 Elche sollen hier in dieser Region leben. Doch einen zu sehen, ist ungefähr wie ein Vierer im Lotto.

Die Region um Hällefors war schon immer eine unzugängliche und unbevölkerte Wildnis. Die Menschen, die einst in das Bergbaugebiet Bergslagen kamen, hatten sich entlang der Flüsse angesiedelt. An den Zuflüssen der Seen und ihren Flußtälern brannten die Flammen der Hochöfen in den Bergmannsdörfern. Die Silbergruben wurden 1881-1892 bearbeitet und zwar bis in einer Tiefe von 60 Metern. Als der Abbau aufhörte, mußten die Arbeiter die Erzwände mit Teer bestreichen, um das Vorkommen von Silber zu verbergen. Die Silbergruba ganz in der Nähe war die zweitgrößte Mine Schwedens.

Hier oben genießen wir die entspannende Ruhe und riechen die unverbrauchte Luft. Kein Windhauch, keine Bewegung. Die Natur stoppt für einige Minuten das Atmen. Atemberaubend! Selbst die Wolken erstarren in Ehrfurcht. Nur das Schweigen kann lauter sein. Nicht nur über den Wolken soll die Freiheit wohl grenzenlos sein... Man fühlt sich wie ein Adler, der sich mit der Thermik langsam in die Höhe schraubt und leise durch die Lüfte segelt.

Eine halbe Stunde später nehmen wir das Abendessen in einer kleinen Pizzeria entlang der kleinen Hauptstraße in einer kleinen Ortschaft ein. Wir haben zeitlich noch Glück, denn viele der Restaurants, die eher deutschen Pommesbuden ähneln, machen hier schon um 18.00Uhr dicht. Laut Robin ist dies hier die internationalste Pizzeria weit und breit; eine italienische Pizzeria mit Namen Espagna in Schweden. Sie gehört einem Griechen, der auch türkische Döner sowie deutsche Coca Cola verkauft. Eine wagenradgroße Pizza soll meine Erfüllung sein.

Ein junges Mädchen mit ihrem Kleinkind kommt herein. Apropos Jugend: Die meisten schwedischen weiblichen Teenager in den kleinen ländlichen Ortschaften sind meistens schon mit 18 Jahren verheiratet. Die Mädels haben hier kaum Zeit, um viele Jungs kennenzulernen, zumal man schon als Kind in den Grundschulen mit den Nachbarskindern bekannt gemacht wird. Und irgendwie wächst dann etwas zusammen, was vielleicht im „normalen Großstadtleben“ nie zusammengewachsen wäre.

Noch ein kurzer Abstecher zum sehr idyllisch gelegenen Camp Sävenfors, einem rustikalen Hotel auf Stelzen. Es erinnert mich an einen Kotten im Bergischen Land, also eine Schleiferwerkstätte, in der seit dem 14.Jahrhundert mit Hilfe der Wasserkraft gearbeitet wurde. Solche Kotten oder Schleifmühlen entstanden einst in den Bachtälern.

Wir überqueren einen Holzsteg, der sich wie eine kleine Brücke über den Fluß spannt, der auch ein Burggraben sein könnte. Der Steg ist zu beiden Seiten von einer Balustrade geschützt und wird von flackernden Kerzen in Blumentöpfen flankiert. Der große Raum, der sich dem Besucher dann direkt hinter dem Hauseingang öffnet, erinnert an ein verspieltes aber sehr komfortabel eingerichtetes Jagdzimmer mit vielem Schnickschnack.

Zurück im Camp. Der Abend bricht langsam an. Auf dem schwankenden Steg am See gönnen wir uns eine Tasse Jim Beam Whiskey. Ein schwedisches Prost, ein „Skal“ auf Maria, die Daheimgebliebene. Frank und Eli machen sich startklar für die erste kleine Angelrunde. Rein in die Regenhöschen und Hut auf. Frank wirkt besonders stolz in seinem Outfit.

Die beiden wollen mit einem am Steg liegenden Ruderboot auf den See hinaus. Das „Überlebenspaket“ besteht u.a. aus Kescher, US Marine Kampfmesser und mehreren Bleigewichten, den bekannten Rappalas. Ein schöner Anblick.

Das ganze wirkt auf mich wie eine gerade gedrehte Filmszene, wo der junge Gondoliere Eli (sieht er nicht putzig aus) versucht, den alten Mann,„Frank the tank“, sicher über den See zu befördern. Fährmann hol über! Beim Versuch, Fische zu fangen, bleibt beiden zum Sinnieren sicherlich noch genügend Zeit. Ich werde wohl nie erfahren, welche Gespräche die beiden bei rabenschwarzer Dunkelheit auf dem See geführt haben.

Mich zieht es zu dem Grillplatz bei der kleinen Glocke, wo ich ein wenig lese und die Ruhe genieße, während langsam am Horizont die Sonne untergeht. Der Sonnenuntergang am ersten Abend ist optisch ein kleines Feuerwerk der vielfältigsten rot- und orangefarbenen Kontraste. Wunderschön! Der See färbt sich langsam blutrot, als würde eine unsichtbare Hand einen Eimer Farbe aus dem Restlicht der Abendsonne schütten.

Das langgezogene laute Aufdröhnen eines Quad-Motors erfüllt die Luft. Ein Ranger rast gerade mit seinem Quad über das Gelände. Nach einigen Sekunden verebbt das Knattern wieder.

Quadfahren ist hier bei vielen Schweden ein beliebtes Hobby. Auch das „Tuning“ von Motoren ist bei den Nordmännern in diesen Regionen ein beliebter Zeitvertreib. Viele kaufen sogar den Schrott von amerikanischen Unfallwagen auf, die zum wirtschaftlichen Totalschaden geworden sind. Für einer dieser Schrottkarren, ein 99er Corvette, bezahlte ein Bekannter von Robin ca. 1000,00€ Nun wird an diesem Wagen in irgendeiner Garage mit viel Leidenschaft herumgebastelt.

Weit draußen auf dem See befinden sich immer noch unsere Hobbyangler und Globetrotter auf der Jagd nach dem ersten Fisch. Das einzige leise Geräusch weit und breit, was an meine Ohren dringt, sind die Paddelschläge, welche sanft über die Wasseroberfläche streifen. Ansonsten herrscht Stille.

Bald verschwindet der letzte Rotschimmer auf dem See. Das Wasser sieht nun tintenblau aus. Eli erkenne ich in der Ferne noch so gerade an seinem roten Sweatshirt. Doch nach und nach werden die beiden Gestalten vollständig von der aufkommenden Dunkelheit verschluckt.

Das edle Nass rinnt gleich in die offen stehende Nachbartonne, wo sich Elis Kleidung befindet, und gibt dieser die richtige Würze. Kann passieren! Der Gute-Nacht-Onkel Frank ruht sich derweil auf seiner Isomatte aus. Eli hängt bequem in seinen tragbaren „Liegestuhl“ und legt die Füße auf eine der Behälter. Ich genieße einen Tee und schwelge in die Ferne.

Komm Elezar, Du Poet, beschreib` uns mal ein bisschen die Szenerie. Leg los! ...

„... also, irgendwo quakt eine Ente. Ein feiner Nebelschleier legt sich über das Wasser. Das letzte Restlicht der Sonne verschwindet mehr und mehr hinter einer Wolke, als würde man auf einem weißen Stück Papier mit einem schwarzen Stift auf- und absteigende Herzfrequenzen zeichnen. Irgendwo in der Mitte erscheint ein schwarzer Balken, eine Verbindung von Wolken und Bäumen. Graue längliche Wolkengebilde am Himmel. Eine spiegelglatte Wasseroberfläche, ein Spiegelbild der Natur... Und könnt Ihr Euch ein Bild machen?

PS: Einige dieser Original Sätze von Eli habe ich auf meinem Sprechgerät aufgezeichnet. Bald wurden die Beschreibungen aber so verworren, dass ich hier auf weitere Einzelheiten verzichten möchte, weil der Leser die stimmungsvolle Atmosphäre sicherlich dann nicht mehr richtig visualisieren kann.

Gelblicher Mondschein erleuchtet das Wasser. Ein atmendes Panoramabild, der unendliche Sternenhimmel. Verschiedene Blautöne färben die Nacht mit unruhiger berauschender Intensität, nur getrennt durch die Kraft des Geistes.

Die Männerrunde rückt zusammen. Wir setzen uns ganz nahe an das Feuer und trinken Tee oder Jim Beam Whiskey mit oder ohne Cola. (Die Flasche ist übrigens schon am zweiten Abend leer) Eli raucht Pfeife. Wir, Männer von Welt, sind zwar nicht im Marlboro Land, aber trotzdem furchtbar cool.

Frank gibt uns derweil einen Exkurs in die Thematik „Thermik“ (wie kalte und warme Luft entsteht). Danach schweigen wir und starren in das Feuer, wie es einst die Urmenschen taten, nachdem sie erfolgreich von der Jagd zurückkehrten, um sich dann neue Strategien auszudenken, wie am nächsten Tag wieder erfolgreich Nahrung beschafft werden könnte.

Heute schaut der moderne Mann dafür schweigend in die Glotze – sein Ersatz- Lagerfeuer.

Doch unter der harten Schale der drei Kumpanen schwimmt ein weicher Kern, oder wie ist das zu erklären, dass wir plötzlich alle nach unseren daheimgebliebenen Frauen „schreien“.

Diese Nacht schlafen wir alle am wärmenden Feuer unter freiem Himmel. Eine einmalige Erfahrung, in seinen Schlafsack eingemuckelt zu sein und über sich den Sternenhimmel zu sehen. Und Eli neben mir, was will man mehr  Aber in einem Schlafsack auf dem Waldboden aufzuwachen ist halt nicht so, wie in einem kuscheligen Hotelbett aufzuwachen.

Sonntag, den 05.09.04

Eli und Frank brechen schon ganz früh zum Angeln auf. Und sie kommen erfolgreich zurück – grölend, lachend und mit fetter Beute. Ich schaue in zwei strahlende Gesichter. Zwischen 5.00 und 6.00 Uhr morgens ist anscheinend die beste Zeit zum Fische fangen. Vier große Hechte (einer so um die 50 Zentimeter) mußten dran glauben. Eli nimmt fachgemäß einige Fische auseinander. Er schneidet den Fischen die Flossen und später auch die Schwänze ab, entfernt die Schuppen von den Häuten und salzt sie mit Gewürz-Bratfisch und Pfeffer ein. Danach wickelt er die Fische in eine Alufolie. Eine Art Wellness-Behandlung für jeden Fisch. Eli ist in seinem Elan nicht mehr zu bremsen. Irgendwann heute Nachmittag sollen die Fische dann während einer Rast gegrillt werden.

Plötzlich hören wir das erste Autogeräusch seit über zwölf Stunden. Und höchst verwunderlich für uns alle, denn nicht weit von hier – nicht einsehbar – befindet sich doch tatsächlich eine Straße. Gut, dass wir das gestern Abend noch nicht bemerkt haben. Das hätte uns ernüchtert, da wir doch glaubten, uns irgendwo tief in der schwedischen Wildnis, weit abgelegen von jeglicher Zivilisation, zu befinden.

08.00Uhr. Die Sonne ist auch schon da. Zwei Stunden später setzen wir unsere Kanufahrt durch seichtes Gewässer fort; vorbei an Birken- und Kiefernwäldern sowie abgeforsteten Waldgebieten. Heute ist der wärmste Tag.

Sonntag mittag: wir sind schon auf dem Rückweg zu unser Abholstation. Mittlerweile rudern wir wieder über breite Seen, vorbei an kleinen Inselchen mit den typischen schwedischen Häuschen. Von weitem erkennen wir schon die Anlegestelle. Minuten später erscheint Robin mit seinem Discovery Landrover auf der Bildfläche. Zurück im Camp: Zum Ausklang des Tages werden die gefangenen Fische feierlich von Frank gegrillt.

Montag, den 06.09.04

Der Rückreisetag. ... „Weekend, Weekend“ ... Ein peinlicher deutscher WDR 5 Schlager hat sich seit der Autofahrt von Düsseldorf nach Hahn so in unseren Köpfen festgesetzt, dass er umgehend zu unserem Erinnerungs-Schweden-Hit wurde. PS: Ich möchte hier betonen, dass für die Einstellung dieses Senders im Autoradio nur „Frank the tank“ verantwortlich war.

Örebro Bahnhof. Eli und Frank verschwinden kurz ins Städtchen. Letzte Erledigungen. Ich sitze draußen in dem kleinen Selbstbedienungscafé am Bahnhof und lese ein wenig. Dort, wo alles begann... Drei abwechslungs- und erfahrungsreiche schöne Schwedentage gehen vorüber und zum Abschluß dieses Reiseberichtes fällt mir noch eine Anekdote von Robin ein, welches einen einmaligen Menschen in diesem einmaligen Land betrifft. Zur Zeit ist ein schwedischer Extrem-Sportler aus Nord-Schweden, genauer gesagt aus der Eisenstadt Kiruna, durch das Land unterwegs, weil er jedem seiner Landsmänner und –frauen einmal die Hand schütteln möchte. Daher unternimmt er die „Tour de fridge“. Mit einem 40 Kilogramm schweren Kühlschrank zieht er durch die Lande und sucht dabei möglichst jedes Städtchen und jede Region auf. Gesponsert wird das ganze durch die Elektrofirma „Elektrolux“, die ihn natürlich auch dadurch den Lebensunterhalt sichert.

Nebenbei unternimmt er durch diese Art von Werbung auch Extremtouren für Touristen. Wir werben ebenfalls für dieses Land. Wer die Natur und Ruhe schätzt und es abenteuerlich mag, der ist hier bestens aufgehoben.

Ein besonderes Dankeschön gilt Frank, der diesen Ausflug erst möglich machte und auch an Dankeschön an Elezar für einige seiner lustigen Kommentare, die in diesem Reisebericht ihre Erwähnung finden.

SD